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Thomas-Autograph in Köln

Codex 30 der Dombibliothek Köln mit Glossen von Thomas von Aquin als Assistent Alberts des Großen

Kurzinformation

Als Albertus Magnus im Jahre 1248 durch Beschluss des Generalkapitels der Dominikaner von Paris nach Köln geschickt wurde, um dort das neu errichtete Studienhaus zu leiten, folgte ihm sein begabtester Schüler Thomas von Aquin in die damals größte deutsche Stadt. Albert nutzte die neue Unterrichtssituation, um ein groß angelegtes Kommentarwerk zu verfassen: Die Schriften des Ps.-Dionysius Areopagita waren es, die ihn in der ersten Zeit in Köln beschäftigten. Jener anonyme Autor, der wohl um 500 n. Chr. in Syrien gelebt hatte, wurde im Mittelalter als Schüler des Apostels Paulus angesehen und zugleich mit dem legendären Märtyrerbischof von Paris, Saint Denis, identifiziert. So stand dieser Autor schon biographisch in hohem Ansehen. Albertus Magnus ließ sich aber vor allem durch dessen philosophischen Scharfsinn inspirieren.

Die griechischen Schriften des Dionysius lagen im 13. Jahrhundert in verschiedenen lateinischen Übersetzungen vor, die Albert benutzte und miteinander verglich. Codex 30 der Dombibliothek Köln, eine im 11. Jahrhundert geschriebene Handschrift, enthält die Dionysius-Werke in einer frühen Fassung der so genannten "Eriugena-Übersetzung" (von Johannes Scotus Eriugena im 9. Jahrhundert erstellt). Textgrundlage für Alberts Kommentar ist diese Textfassung nicht, sondern er benutzte eine spätere, überarbeitete Fassung. Er verweist aber an mehreren Stellen seines Kommentars auf diese frühe Version, wie sie in Codex 30 vorliegt, um durch Erläuterung verschiedener griechisch-lateinischer Übersetzungsmöglichkeiten den Text besser interpretieren zu können.

Schauen wir uns Codex 30 an, so fällt es sehr rasch auf, dass die ersten 52 Blätter Benutzerspuren tragen. Mit Metallgriffel wurden zwischen den Zeilen und am Rand kürzere und längere Anmerkungen geschrieben. Diese Notizen lassen sich in drei Gruppen einteilen:

  1. Übersetzungsvarianten aus der von Albert verwendeten revidierten Fassung sind nahezu vollständig eingetragen.
  2. Übersetzungsvarianten aus einer weiteren, von Albert benutzten Übersetzung (von Johannes Sarracenus im 12. Jahrhundert erstellt) sind an einigen Stellen eingetragen, und zwar dort, wo auch Albert in seinem Kommentar auf diese Übersetzung verweist.
  3. Darüber hinaus finden sich kurze Texterläuterungen und Stichworte zu Pro- und Contra-Argumenten zu den Textinhalten, die wiederum ihre Entsprechung im Kommentar Alberts finden.

Somit scheinen diese Glossen inhaltlich mit dem Kommentar Alberts des Großen zu den Werken des Dionysius in Zusammenhang zu stehen.
Wie aber kann von dieser Feststellung aus der Schritt gewagt werden, es handle sich bei dem Schreiber um Thomas von Aquin?

Bekannt und hinlänglich untersucht ist die Tatsache, dass Thomas von Aquin als Schüler Alberts in Köln dessen Kommentar zu den Dionysius-Schriften vollständig eigenhändig abschrieb. Diese Handschrift ist noch heute unter der Signatur I B 54 in der Nationalbibliothek in Neapel erhalten. Daher wissen wir, wie die Schrift des Thomas in dieser Zeit aussah. Von anderen erhaltenen Thomas-Autographen unterscheidet sich das Schriftbild etwas, da der junge Thomas noch sorgfältiger schrieb als der ältere. Die Entwicklung seiner Schrift wurde vielfach untersucht. Trotz dieser Unterschiede im Schriftbild, bleiben viele Charakteristika jedoch erhalten.

Wenngleich bei der Analyse der Glossen aus Codex 30 auch die späteren Autographe von mir herangezogen wurden, so ist die wichtigste Vergleichshandschrift der Neapolitaner Codex, da er zur selben Zeit geschrieben wurde wie die Glossen und vor allem inhaltlich mit diesen in Zusammenhang steht. Kenne ich die anderen, späteren Autographe nur von Fotos, so habe ich den Neapolitaner Codex im Orginal in Neapel gesehen und untersucht. Leider fehlen im Neapolitaner Codex einige Blätter, so dass der Text nicht mehr vollständig erhalten ist. Für einen erheblichen Teil der Glossen kann aber exakt die Schreibweise mit der im fortlaufenden Kommentar in Neapel verglichen werden.

Beispiel:
Auf fol. 35r v.6 ist "praedicat sancte" mit "a.t. illos qui sancte vixerunt" überschrieben.
Abbildung folio 35r
Im Codex Neapolitanus steht diese Stelle auf fol. 55r.
Abbildung Folio 55r Codex Neapolitanus

Unter der Rücksicht, dass Schreibweisen sich leicht ändern, je nach dem, ob ein fortlaufender Text geschrieben wird oder Glossen zwischen die Zeilen notiert werden, ist die Ähnlichkeit im Duktus an allen überprüften Stellen sehr auffällig.

Bei einem Aufenthalt bei den Editoren der Thomas-Ausgabe, der Commissio Leonina, wurde zudem die Schreibweise und Abkürzung einzelner Worte mit einer Vielzahl an Vorkommen in den verschiedenen Thomas-Autographen verglichen. Diese Untersuchungen bestätigten meine Annahme, dass es sich bei den Einträgen in Codex 30 der Dombibliothek tatsächlich um die Schrift des Thomas von Aquin handelt.


Der vollständige Text meines Aufsatzes ist als PDF-Datei hinterlegt: Maria Burger, Codex 30 der Dombibliothek Köln. Ein Arbeitsexemplar für Thomas von Aquin als Assistent Alberts des Großen, in: Heinz Finger (Hg.), Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Erstes Symposion der Diözesan- und Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten (26. - 27 November 2004). (Libelli Rhenani 12), Köln 2005, 190-208.

Codex 30 der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek ist digitalisiert verfügbar auf den Seiten des CEEC-Projektes.

Dr. Maria Burger, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Albertus-Magnus-Institut in Bonn

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